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  BUZO   

Absurde Klimaschutzbilanzen

2009 hat Karlsruhe ein Klimaschutzkonzept verabschiedet. Es beinhaltet 74 Maßnahmen aus den verschiedensten Bereichen. Mit diesem Konzept hat die Stadt sich beim sog. „European Energy Award“ wiederholt auszeichnen lassen. Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine Fortschreibung des Konzepts. Es soll im Sommer 2019 vorliegen.

Die Maßnahme M 1 des alten Klimaschutzkonzepts war die Erstellung einer Klimaschutzbilanz. Auch die wird derzeit fortgeschrieben. Doch was taugt sie?

Die Energie- und CO2-Bilanz, auf der das gesamte Klimaschutzkonzept aufbaut, ist eine Territorialbilanz. Was außerhalb des Stadtgebiets geschieht, kümmert die Stadt nicht, vollkommen unabhängig davon, in welchem Umfang die Stadt oder ihre Bürger daran beteiligt sind:

Die Messe Karlsruhe etwa? Die Beteiligung der Stadt am Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden, einem Hot Spot der Klimaschädigung? Oder an dem daneben angesiedelten Gewerbegebiet Baden-Airpark? Alles ausgeblendet.

Im Klimaschutzkonzept 2009 tauchen die Begriffe „Fliegen“, „Flugzeug“ und „Flughafen“ nicht auf, obwohl Karlsruhe umgerechnet mit einem Anteil von rund 14 % am Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden beteiligt ist. Sie werden auch nicht im Verkehrsentwicklungsplan behandelt, auf den das Klimaschutzkonzept verweist.

Die Konsequenz ist paradox: Wer den Urlaub zu Hause verbringt, belastet die Klimabilanz der Stadt. Wer hingegen in ferne Länder fliegt, trägt zu einer besseren Klimabilanz in seiner Heimatstadt bei. Gerade einmal der Weg bei Urlaubsantritt und Rückkehr innerhalb der Stadtgrenze fließt in die Klimaschutzbilanz ein. Der CO2-Ausstoß, der dabei ausgeblendet wird, ist enorm. Nach dem CO2-Rechner des NABU liegt der Durchschnitt für Flugreisen bei 0,56 Tonnen CO2 pro Einwohner in Deutschland im Jahr. Von dem klimaverträglichen Jahresbudget eines Einzelnen, das maximal mit 2,3 Tonnen CO2 anzusetzen ist, verbraucht der durchschnittliche Deutsche also allein schon über ein Viertel für Flüge. Diese Zahl ist sicher nicht zu gering angesetzt und dürfte angesichts des aktuellen Trends in unserer Gesellschaft, nach dem Flugreisen ohne Rücksicht auf den damit zwangsläufig angerichteten immensen Schaden immer mehr zunehmen, weiter anwachsen. Allein im ersten Halbjahr 2018 stieg die Zahl der Passagiere von deutschen Flughäfen im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 %. Für 2019 erwartet die Internationale Luftverkehrs-Vereinigung weltweit sogar einen Zuwachs von 6 %. Auch die Entfernungen der Flüge steigen stetig.

Bei 310.000 Einwohnern ist also von rund 175.000 Tonnen CO2 auszugehen, den die Karlsruher Bürger allein durch Flugverkehr im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft pusten. Zum Vergleich: Die CO2-Emissionen im gesamten Bereich Verkehr wurden laut Klimaschutzkonzept 2009 für 2005 mit 557.000 Tonnen angegeben, an anderer Stelle mit 635.000 Tonnen. Allein durch das Ausblenden des Flugverkehrs werden die CO2-Bilanz der Stadt und ihre vermeintlichen Erfolge bei der Reduzierung des CO2-Austoßes also deutlich schöngeredet. Bei einer konsequenten Anwendung des Territorialprinzips müssten zumindest die Überflüge berücksichtigt werden, was auch nicht geschieht.

Allerdings hat nicht nur die Stadt Karlsruhe — wie viele andere Städte in Deutschland — diesen faulen Ansatz für die Erstellung der Klimaschutzbilanz. Auch das Kyoto-Abkommen als weltweite Basis des Klimaschutzes baut für die Zuschreibung des CO2-Austoßes auf dem Territorialprinzip auf. Äußerst praktisch für die Regierungen der Welt. Bei Überseeflügen kann damit der Flugverkehr keinem einzigen Staat zugeordnet werden. Auch Kreuzfahrten auf internationalen Gewässern fallen damit raus. Für die besonders klimaschädlichen Formen des Reisens braucht sich also kein Staat und keine Gebietskörperschaft verantwortlich zu fühlen.

Doch was können die Stadt Karlsruhe und andere Kommunen in Sachen Verringerung des Flugverkehrs tun? Eine Menge:

Reiner Neises

Diskussionen/Leserbriefe zu: BUZO: Absurde Klimaschutzbilanzen


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