Wer recht in Freuden wandern will

KV-Liederbuch Seite 224

    Morgenwanderung

  1. Wer recht in Freuden wandern will,
    der geh' der Sonn' entgegen:
    da ist der Wald so kirchenstill,
    kein Lüftchen mag sich regen;
    noch sind nicht die Lerchen wach,
    nur im hohen Gras der Bach
    singt leise den Morgensegen, den Segen.

  2. Die ganze Welt ist wie ein Buch,
    darin uns aufgeschrieben
    in bunten Zeilen manch ein Spruch,
    wie Gott uns treu geblieben.
    Wald und Blumen nah und fern
    und der helle Morgenstern
    sind Zeugen von seinem Lieben.

  3. Da zieht die Andacht wie ein Hauch
    durch alle Sinnen leise;
    da pocht ans Herz die Liebe auch
    in ihrer stillen Weise,
    pocht und pocht, bis sich's erschließt,
    und die Lippe überfließt
    von lautem, jubelndem Preise.

  4. Und plötzlich läßt die Nachtigall
    im Busch ihr Lied erklingen;
    in Berg und Tal erwacht der Schall
    und will sich aufwärts schwingen,
    und der Morgenröte Schein
    stimmt in lichter Glut mit ein:
    Laßt uns dem Herrn lobsingen.

Worte: Emanuel Geibel, 1838/39 (1815—1884)
Weise: Gustav Klauer (1827—1854)

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