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   Matuto / Ross, Clay / Curto, Rob: Matuto
Preis: 17.95 €
Kat-Nr.: GMC048
Format: CD
  

V? Datum: 18.11.11

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Sie halten sich immer noch hartnäckig, die Brasilien-Klischees von Samba und Bossa Nova, den nackten Carnaval-Tänzerinnen, von Sonne, Strand und dem Ipanema-Girl. Nichts könnte heilsamer sein, als ein Blick in den Nordosten des Landes: Im Bundesstaat Pernambuco und seinen Nachbarn regiert von jeher ein eigenes Universum von ländlich geprägten Stilen mit klangvollen Namen wie Baião, Xote, Arrasta-Pé, Coco, die unter dem Namen Forró gebündelt werden. Die Bezeichnung Forró, so besagt eine Theorie, kam auf, als ein englisches Unternehmen eine Eisenbahnlinie durch den Nordosten Brasiliens baute, und abends für alle Arbeiter, Tanzveranstaltungen anbot. Aus „for all“ wurde in der Aussprache der Brasilianer „forró“. Ob hier nur die Volksetymologie am Werke war, lässt sich nicht mehr überprüfen. Fest steht jedoch eines: Diese ländliche música nordestina mit ihren bodenständigen Rhythmen, ihren Zabumba-Trommeln und Triangeln, ihren wippenden Akkordeons, rockigen Gitarrenriffs und raukehligen Gesängen spricht tatsächlich eine Sprache für alle: Denn mittlerweile hat sie auch die Städte fest im Griff.

Schon ein Gilberto Gil baute die brasilianischen Country-Klänge in seine frühen Hits ein. Später kam die Forró-Familie zusammen mit den großen Strömen von Emigranten, die auf der Suche nach Arbeit waren, nach Sâo Paulo, wo sich ein enormer Boom von Nordostmusik mit den dazugehörigen Tanzveranstaltungen etablierte. Doch die Wanderung des Forró ging nicht nur nach Süden, sie machte sich auch in die Gegenrichtung auf – und überquerte dabei die brasilianischen Landesgrenzen. Wie einst die Bossa Nova in den frühen Sechzigern nach dem denkwürdigen Carnegie Hall-Konzert New York eroberte, ist nun die Música Nordestina dabei, die Clubs am Hudson im Sturm zu nehmen. Es snd dabei nicht einmal mehr die Auswanderer, die dem Sound aus Brasiliens ruppigen Steppen frönen. Tom Waits-Gitarrist Smokey Hormel, Lounge Lizard-Schlagwerker Mauro Refosco und niemand geringerer als David Byrne wurden zuletzt vom Forró-Virus befallen. Zu den aktuellen Protagonisten dieses neuen Dance-Craze im Big Apple zählen nun auch unbestritten die Jungs von Matuto. Die zudem noch das Kunststück fertigbringen, die Farben Brasiliens mit den rustikalen Tupfern der US-Musikhistorie zu überziehen.

Beginnen wir mit ihrem Namen -der ist denkbar down to earth: Als „Matuto“ bezeichnet man im Nordosten Brasiliens einen einfachen Burschen vom Lande. Was natürlich zugleich ein wenig paradox ist – denn so „einfach“ die Bezugsperson ihrer Musik sein mag, so gewieft sind die beiden Kreativköpfe, die hinter dem Matuto-Sound stehen: Im Zentrum ist da zunächst der Italo-Amerikaner Rob Curto, der sich seine Meriten durch langjährige Aufenthalte Brasilien verdient hat, mit dem Perkussionisten Cyro Baptista, dem Tastenmeister Dominguinhos und der Sängerin Elza Soares gespielt hat. Doch zum vielgesichtigen Klanguniversum von Curto gehören ebenso Swing, Bebop, Funk, Rock und Blues, er stand mit Klezmertrompeter Frank London und der mexikanischen Diva Lila Downs auf der Bühne. Seinen Gegenpart findet er in Clay Ross aus South Carolina, der mit seiner Gitarre mühelos zwischen Jazz, Worldmusic und Bluegrass mäandriert, ebenfalls bei Cyro Baptista Einblicke in die brasilianischen Rhythmen bekommen hat und dem Matuto-Sound seine freche Stimme leiht. Um diese Doppelspitze scharen sich zehn weitere Hochkaräter der NY-Szene, unter ihnen der Herbie Hancock-erfahrene Drummer Richie Barshay, Bassist Edward Perez, der zwischen afro-peruanischer Tradition und Modern Jazz oszilliert, sowie der preisgekrönte Bluesgrass-Fiddler Rob Hecht.

Die Klangresultate auf dem Debütalbum dieser alles andere als homogenen Truppe verblüffen in all ihren Schattierungen: „Matuto“ kommt als Manifest der Grenzenlosigkeit von Country-Vokabeln zwischen Pernambuco und Brooklyn daher, leistet sich Anleihen bei Jazz, Rock und Punk. Da ist der kraftvoll zupackende Opener „Dois Nordestes“ mit seinen Dialogen aus Akkordeoneskapaden und Surfgitarre, gleich gefolgt von einer Überraschung namens „Church Street Blues“ aus der Feder des Bluegrass-Revivalisten Norman Blake, untermalt von dezenter Brasilrhythmik. „Retrato De Um Forró“, einen Klassiker von Luis Gonzaga, dem großen Popstar der Música Nordestina, versehen Matuto mit großartigen Lap Steel-Einwürfen. Zu einem Country-Zwitter gerät das Tribut an die Forró-Hauptstadt „Recife“, der mit seinem Fiedel-Flöte-Duell auch in den Weiten des mittleren Westens spielen könnte. Und das sind nur die ersten Stationen von Matutos bikontinentalem Trip: In der Folge trifft Blind Willie Johnson auf den Musikbogen Berimbau und den Maracatú-Rhythmus, das wehmütige Traditional „Banks Of The Ohio“ lässt sich vom wiegenden Dreierrhythmus auf dem Akkordeon umschmeicheln, und schließlich mogelt sich doch noch eine Samba Batucada ins Geschehen und trifft auf eine geradezu punkige Stromgitarre.

So gewaltig tönt es, wenn Stadtburschen den Wurzelsaft vom Lande einsaugen - diese US-brasilianische Verbrüderung bringt spannungsgeladenen Stall- und Steppengeruch aus zwei Erdteilen in die Häuserschluchten von NY.

Stefan Franzen


CD 1
1  Dois Nordestes  
2  Church Street Blues  
3  Retrato De Um Forró  
4  Recife  
5  Sanfoneiro Bebo  
6  John the Revelator  
7  Forró Pacífico  
8  Banks of the Ohio  
9  Rádio AM, Cinco Da Tarde  
10  What a Day  
11  Maracatu Dos Anjos  
12  Dream of Life  


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